Was ist eine Dünndarmfehlbesiedlung?

Unter einer Dünndarmfehlbesiedlung (DDFB) oder im Englischen “small intestinal bacterial overgrowth syndrome” (SIBOS) versteht man eine Besiedelung mit falschen Bakterien im Dünndarm. Das verrät uns schon der Name. Was aber bedeutet das genau?

Beim Menschen ist der Dünndarm in drei Abschnitte aufgeteilt, und variiert in der Länge zwischen drei und sechs Metern, je nach Muskelanspannung. Hier findet die Spaltung und Aufnahme von Nährstoffen statt. Im Vergleich zum Dickdarm ist der Dünndarm sehr bakterienarm, zumindest im gesunden Zustand. Auch unterscheiden sich die dort ansässigen Bakterien in Art und Anzahl von denen im Dickdarm.

Wie kommt es zu einer DDFB?

Zwischen Dünn- und Dickdarm befindet sich die Bauhin-Klappe (lat. Ileozökalklappe). Sie bildet eine deutliche anatomische Grenze zwischen den beiden Darmabschnitten. Wenn diese Klappe nicht richtig schließt oder durch vermehrte Gasbildung “aufgedrückt” wird, können Bakterien aus dem Dickdarm in den Dünndarm einwandern. Dort können sie dann die normale Dünndarmflora verdrängen. Weitere Ursachen können eine verminderte Magensäureproduktion, anatomische Veränderungen des Magen-Darm Traktes (bspw. durch eine OP) oder erhöhtes Alter sein. Nicht selten spielen mehrere dieser Faktoren eine Rolle.

Normal ist eine Besiedlung von 10^3 Bakterien pro Milliliter Dünndarmschleim. Ab einer Menge von 10^5 bis 10^6 spricht man definitionsgemäß von DDFB.

Welche Symptome sind typisch?

Die eingewanderten Bakterien beginnen bereits im Dünndarm mit  der Vergärung von Zuckern. Dabei bilden sie Gas, welches für den typischen Blähbauch sorgt. Kleinere Gasmengen können durch die Darmwand ins Blut aufgenommen werden und von dort in die Lunge gelangen, um abgeatmet zu werden. Bei einer Fehlbesiedlung kommt es jedoch zu großen Gasmengen, die nicht vollständig ins Blut resorbiert werden können. Anders als im Dickdarm, können hier entstehende Gase auch nicht als Wind entweichen. Durch die resultierende Dehnung der Dünndarmwand entstehen ein unangenehmes Druckgefühl und Schmerzen.

Ein weiteres typisches Symptom kann Durchfall sein. Dieser wird durch kurzkettige Fettsäuren ausgelöst, die die Bakterien bei ihrer Verdauung von Kohlenhydraten produzieren. In einigen Fällen kommt es zu Fettstühlen. Nicht selten wird bei diesen Symptomen ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, das bei einer Behandlung der Fehlbesiedlung wieder verschwindet.

Gibt es Folgeschäden?

Unbehandelt kann eine DDFB zu Gewichtsverlust oder zu einem Mangel an fettlöslichen Vitaminen wie A, D, E und K führen. Zudem verbrauchen die falsch angesiedelten Bakterien Vitamin B12, was im schlimmsten Fall zu einem schweren Mangel und damit zu Blutarmut und neurologischen Symptomen führen kann.

Wie kann DDFB diagnostiziert werden?

Bei Verdacht auf DDFB kann, ebenso wie bei Fructosemalabsorption, ein H2-Atemtest durchgeführt werden. Zur Bestimmung einer DDFB wird jedoch mit Glukose und Laktulose getestet. Bei einem H2-Test wird der Anstieg von Wasserstoff in der Atemluft nach Einnahme einer Zuckerlösung gemessen. Ist der Dünndarm mit größeren Mengen unerwünschter Bakterien besiedelt, produzieren diese kurz nach der Einnahme Wasserstoff, der dann in der Atemluft messbar wird. (weitere Informationen zum Atemtest)

Wie sieht die Therapie aus?

Die Therapie für eine Dünndarmfehlbesiedlung kann unter anderem mit Antibiotika erfolgen. Vor allem Rifaximin wird vom Körper nicht aufgenommen und ist deshalb nur im Darm wirksam. Weiterhin wirken sich Probiotika, die eine Auswahl an wichtigen Bakterienstämmen enthalten, positiv auf die Darmflora aus. Sie können helfen die Vermehrung wichtiger Milchsäurebakterien zu unterstützen. Diese wiederum helfen dann bei der Verdrängung der weniger wünschenswerten Bakterien. Vor allem nach einer Behandlung mit Antibiotika unterstützt die Einnahme eines Probiotikums den Aufbau einer gesunden Bakterienzusammensetzung im Darm.

Sinnvoll kann auch eine Ernährungsumstellung sein. Ein zeitweiser Verzicht auf Kohlenhydrate „hungert“ die unerwünschten Bakterien im Dünndarm regelrecht aus.

Und der Zusammenhang zwischen DDFB und Fructosemalabsorption?

Vermutlich besteht zwischen Fructosemalabsorption und DDFB eine zweiseitige Beziehung.

Auf der einen Seite scheint Fructose das Überleben der unerwünschten Bakterien im Dünndarm zu fördern, indem sie sich ihnen als einfach zu verarbeitende Nahrung anbietet, quasi als “Fast Food”. Zudem kann eine bestehende Fructosemalabsorption wie zuvor beschrieben durch die vermehrt gebildeten Gase die Ileozökalklappe “aufdrücken” und damit zu einer DDFB führen bzw. ihre Entstehung fördern.

Auf der anderen Seite führt eine Behandlung mit Antibiotika bei vielen Patienten mit DDFB zu einem gleichzeitigen Verschwinden der Fructosemalabsorption. Diese kann also bei einigen Patienten auch durch eine Dünndarmfehlbesiedlung bedingt sein. Zwar handelt es sich bisher eher um theoretische Überlegungen, die noch nicht ausreichend mit Daten belegt worden sind, jedoch sprechen einige wissenschaftliche Veröffentlichungen von einem Zusammenhang, der nicht von der Hand zu weisen ist. Es macht also Sinn diesen bei einer diagnostizierten Fructosemalabsorption im Hinterkopf zu behalten und eventuell beim behandelnden Arzt anzusprechen.

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